„Es gibt kulturelle Unterschiede, aber keine zivilisatorischen. Wenn wir in Gesellschaften leben, (…) dann bedeutet es, dass jedes Individuum dieselben fundamentalen Rechte hat. Sie bedeuten zugleich, dass man miteinander leben kann, dass man sich gegenseitig respektiert, dass man Verantwortung für den anderen hat – das ist Zivilisation.“ Dieses Zitat stammt von Stéphane Hessel, französischer Diplomat, Widerstandskämpfer und Überlebender der Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora. Es schmückt die Seminarräumlichkeiten der internationalen Jugendbegegnungsstätte der Gedenkstätte. Das Fanprojekt Bochum schaffte in Kooperation mit den Fanbeauftragten des VfL Bochum 1848 in zweiter Auflage ein politisches Bildungsangebot für Fußballfans, das die Verankerung demokratischer Prinzipien und Werte innerhalb der Zielgruppe unterstützt.

 25 TeilnehmerInnen traten am Donnerstag, den 14. November 2019, den Weg vom Ottokar-Wüst-Platz nach Thüringen an. Das Reiseziel war die Klassik- und Kulturstadt Weimar - ebenso wie Bochum eine Gauhauptstadt zur Zeit des Nationalsozialismus. Dies ist jedoch nicht die einzige Parallele respektive Verbindung zwischen unserer Stadt und Weimar. Diesbezüglich vermittelte die ehemalige Leiterin des Bochumer Stadtarchivs, Dr. Ingrid Wölk, anlässlich einer Einführungsveranstaltung im AWO-Stadtbüro in der Bleichstraße den TeilnehmerInnen Grundlagenwissen zum Thema „Konzentrationslager“ und erläuterte die historisch belastete Beziehung Bochums zu Buchenwald. Hier befanden sich gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zwei Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Zudem wurde ein Ausschnitt eines Interviews mit dem Zeitzeugen Rolf Abrahamsohn vorgeführt, der unter anderem nach Buchenwald und Theresienstadt deportiert wurde und im Arbeitslager an der Brüllstraße in Bochum in der Rüstungsproduktion zur Zwangsarbeit verpflichtet wurde.

Ankunft in Weimar

Im geschichtsträchtigen Weimar angekommen, konnten sich die Teilnehmenden mit der klassischen lokalen Thüringer Rostbratwurst oder einer vegetarischen Alternative stärken, um sich anschließend einer der beiden StadtführerInnen anzuschließen. Neben Axel Stefek führte Petra Venzke alle mitgereisten VfL-Fans durch Weimar und konnte diesen die Geschichte der Stadt näherbringen. Der erste Teil der jeweils zweiteiligen Stadtführung beschäftigte sich mit der Kulturgeschichte der Stadt Weimar. Im zweiten Teil wurde die politische Geschichte Weimars im 20. Jahrhundert und im Besonderen zur Zeit des Nationalsozialismus erläutert. Schiller, Goethe und insbesondere Hitlers Rolle, Haltung und Auswirkung auf die Stadt wurden schwerpunktmäßig thematisiert.

Hinter dem Denkmal, das Goethe und Schiller als Dichterpaar auf dem Theaterplatz zeigt, befindet sich das Weimarer Nationaltheater. Hier trat im Februar 1919 die einen Monat zuvor gewählte Verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung zusammen. Unter den 423 Mitgliedern der Nationalversammlung waren erstmals auch 37 Parlamentarierinnen, unter anderem Marie Juchacz, Sozialdemokratin und Gründerin der Arbeiterwohlfahrt. Die Weimarer Verfassung, die erste demokratische Verfassung Deutschlands, trat im August 1919 nach der Unterzeichnung durch den Reichspräsidenten Friedrich Ebert in Kraft. Weitere Stationen des Stadtrundgangs waren der Aussichtspunkt auf Goethes Gartenhaus im Park an der Ilm sowie das ehemalige Gauforum der NSDAP. Die Intention des Rundgangs bestand darin, den TeilnehmerInnen den Zeitgeist der 1920er und 1930er Jahre näher zu bringen und darzulegen, wie es zur Machtübergabe und Machtübernahme im Jahr 1933 kommen konnte. Vorausschauend hinsichtlich des weiteren Verlaufs der Reise wurde auch die Einrichtung eines mitteldeutschen nationalsozialistischen Terrorapparates auf dem nahegelegenen Ettersberg im Jahr 1937 thematisiert: das Konzentrationslager Buchenwald.
Im Anschluss hatten die Reisenden die Möglichkeit sich im Hotel abseits vom Stadtzentrum mittels pädagogischer Methoden auszutauschen. Der Abend wurde mit der Rede Anita Lasker-Wallfischs zum Holocaust-Gedenktag 2018 im Bundestag sowie der Vorführung des Films „Hitlers Weimar“ abgeschlossen.

Besuch der Gedenkstätte Buchenwald

Die Gedenkstätte besuchten die TeilnehmerInnen am zweiten sowie dritten Tag der Bildungsreise. Von der Altstadt Weimars aus kommt man Landstraßen folgend über die „Blutstraße“ hinauf zum Geländekomplex des ehemaligen Konzentrationslagers. Am Parkplatz angekommen erwartete die Besucher*Innen ein unerwarteter Anblick. Gepflegte Parksituation, ein modernisiertes Besucherzentrum sowie eine Jugendbegegnungsstätte. Die pädagogischen Mitarbeiter Ronald Hirte und Jan Malecha begrüßten die TeilnehmerInnen, um diese erneut in zwei Gruppen aufzuteilen und den historischen Rundgang durch die Gedenkstätte zu beginnen. Bevor es jedoch durch das berüchtigte Eingangstor des eigentlichen Häftlingslagers mit dem von den Nationalsozialisten pervertierten römischen Rechtsspruch „Jedem das Seine“ ging, wurde der gesamte Komplex des Lagers anhand eines Modells erläutert. Zu dem Konzentrationslager Buchenwald gehörten neben dem bereits angesprochenen Häftlingslager auch Kommandanturen, Wohnhäuser und sogar Villen von SS-Offizieren, ein großzügig angelegter und intensiv gepflegter Streichelzoo, ein etwas abseits gelegener Steinbruch, ein Bahnhof sowie kleinere Spezialarbeitslager.

Sobald die TeilnehmerInnen durch das Eingangstor des Lagers traten, offenbarte sich ihnen ein beklemmendes und beinah gespenstisches Areal, das durch dichten Nebel nicht zu überblicken war. Das Gelände ist von kilometerlangem Stacheldraht umsäumt, die Umrisse von Ruinen der ehemaligen Baracken waren nur zu erahnen. Des Weiteren konnten die Teilnehmenden eine Gedenkinstallation betrachten, die durchgehend die menschliche Körpertemperatur von 37° Celsius aufweist, um auch bei Schnee und Eis dauerhaft sichtbar zu sein. Zwei Gebäude auf diesem Gelände ragen empor. Die Effektenkammer am abschüssigeren Part des Häftlingslagers, die mittlerweile eine Dauerausstellung über drei Etagen beherbergt, sowie das Krematorium samt Schornstein, welches die SS angesichts wachsender Totenzahlen 1940 errichten ließ. Für dieses Krematorium entwickelte und lieferte die Firma Topf&Söhne Verbrennungsöfen. Dieses Unternehmen sollte den TeilnehmerInnen zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt begegnen.

„Ihr habt es gewusst, aber habt nichts getan.“

Mehr als eine Viertelmillion Menschen waren im Konzentrationslager Buchenwald und seinen 139 Außenlagern inhaftiert. Auch die Bochumer Betriebe „Eisen- und Hüttenwerke AG“ und der „Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation AG“ erwarben Tausende von Inhaftierten und profitierten von dieser Zwangsarbeitsmaschinerie. Die SS registrierte 108 „Lagertote“ in Bochum. All das und viele weitere erschreckende Details erfuhren die TeilnehmerInnen am Nachmittag in der Ausstellung in der ehemaligen Effektenkammer. Als die Amerikaner am 11. April 1945 um 15:15 Uhr die Häftlinge befreiten, fanden sie das Lager in einem desolaten Zustand vor. Leichenberge, Verwahrlosung, Tausende von jüdischen Kindern, deren Eltern dem Holocaust zum Opfer fielen. Tage nach der Befreiung führten die Befreier die Weimarer Stadtbewohner*Innen durch das Häftlingslager. Als diese Unwissenheit vortäuschten, echauffierten sich die Ex-Häftlinge: „Ihr habt es gewusst. Wir haben neben euch in den Fabriken gearbeitet. Wir haben es euch gesagt und dabei unser Leben riskiert. Aber ihr habt nichts getan.“ Derartige Zitate von Überlebenden sind ebenso wie ihre Biografien in der Ausstellung in der Effektenkammer dargestellt und bieten die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit bedrückenden Einzelschicksalen. Auch am dritten Tag der Bildungsreise begab sich die Gruppe nach Buchenwald, um sich dort mit der Geschichte des Arbeitslagers in den Folgejahren des Krieges zu beschäftigen. Zu Beginn hielt ein Mitglied der Arbeitsgruppe „1938 – nur damit es jeder weiß“ einen Vortrag zur „historischen Verantwortung von Sportvereinen“ und bezog sich dabei insbesondere auf die Entstehung des VfL Bochum 1848.

„Jedem das Seine“

„Jedem das Seine – gibt es ein schöneres und menschlicheres Versprechen als das, jeder und jedem Anerkennung und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, niemanden zu benachteiligen, zu erniedrigen, keinem zu schaden, keinen zu verletzen, Menschen in ihrer Gleichheit und Unterschiedlichkeit, in ihrer Individualität und Besonderheit zu achten?“
Vor dem Hintergrund dieser zum Nachdenken anregenden Frage, aufgeworfen von Volkhard Knigge, dem Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, begaben sich die TeilnehmerInnen am Samstagnachmittag zum Buchenwald-Mahnmal, dem Glockenturm samt Massengräbern. Hier gedachten sie der Opfer der Nationalsozialisten und hielten einen Moment inne. Im Anschluss bestand die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung, so dass einige die Stadt Weimar und die dort verorteten Museen oder Cafés aufsuchten oder ins Hotel zurückfuhren, um dort die Eindrücke zu verarbeiten.

Massenmord als technologische Herausforderung

Ungefähr 15 Kilometer liegen zwischen dem Nordhang des Ettersberges, an dem sich das Häftlingslager befand, und dem Sorbenweg 7 in Erfurt. Hier befindet sich der „Erinnerungsort Topf & Söhne – Die Ofenbauer von Auschwitz.“ Das ehemalige Fabrikgebäude der Firma „J.A. Topf & Söhne“, mittlerweile zu einem Gedenk- und Bildungsort umgebaut, stellte am Sonntag, den 17. November 2019, die letzte Station unserer Reise dar. Bruno Brauer, ehemaliger FSJler des Erinnerungsortes, brachte den TeilnehmerInnen die Geschichte dieses Ortes näher. Hier errichteten Ingenieure des Erfurter Unternehmens Verbrennungsöfen und die Lüftungstechnik für die Gaskammern. Die von der Firma patentierten Dreimuffelöfen konnten die TeilnehmerInnen bereits einen Tag zuvor im Konzentrationslager Buchenwald sehen. An keinem anderen zivilen Ort waren die mit der Praxis der industriellen Vernichtung von Menschenleben verbundenen Fragen präsenter als in diesem Unternehmen: als Auftrag, als Arbeit, als technologische Herausforderung, als bewusste Mitwirkung an einem Verbrechen.

Die vorbehaltlose Zusammenarbeit von Topf & Söhne mit der SS beunruhigte die Reisegruppe in besonderer Weise. Die Mitarbeiter*Innen handelten nicht auf Befehl oder unter Zwang. Sie wussten genau, welchen Zwecken die von ihnen entwickelte Technik diente. Um mitzumachen, reichte es offenbar aus, dass Ausrottung und Massenmord staatlich gewollt waren. Einzelne profitierten, andere waren durch den Ehrgeiz, ein guter Ingenieur zu sein, angestachelt. Aus der Abwesenheit von Mitmenschlichkeit gegenüber den „natürlichen Feinden“ der „Volksgemeinschaft“ wurde die Mittäterschaft am Massenmord.

Eine unvergessliche und nachhaltig prägende Fahrt für die TeilnehmerInnen endete mit dem Besuch dieses Erinnerungsortes. Das Erfahrene und Erlernte nie zu vergessen ist eine Aufgabe für die Gegenwart und Zukunft.

Das Fanprojekt Bochum und die Fanbeauftragten des VfL Bochum 1848 bedanken sich bei allen TeilnehmerInnen und Mitwirkenden für die gemeinsame, lehrreiche Zeit sowie die hervorragende Atmosphäre und das Vertrauen innerhalb der Gruppe. Ein Nachtreffen ist geplant.

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